In Ostdeutschland aufgewachsen
Kindheit und Familie
Ich wurde 1962 geboren, als jüngstes von vier Kindern. Zu meinen beiden älteren Geschwistern hatte ich durch den Altersunterschied wenig Bezug, doch mit meiner Schwester, die nur wenige Jahre älter ist, verbindet mich bis heute eine wunderbare Kindheit.
Mein Vati war Lehrer und Direktor in der Carl-Blechen-Oberschule, meine Mutti Lohnbuchhalterin im Großhandel für Textilwaren (SBG Textilwaren Cottbus). Ich erinnere mich an den Kindergarten, an das Warten auf die Schaukel, und an die Freunde, ein "Mittagskind" zu sein - abgeholt zu werden ohne Mittagsschlaf - war etwas Besonderes.
Schule - Struktur, Gemeinschaft und Werte
Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult. Wir waren über 30 Kinder in der Klasse, saßen in drei Reihen mit Blick zum Lehrer. Schon ab der ersten Klasse wurden wir benotet - in Fächern wie Schreiben, Lesen, Heimatkunde, Mathematik, Musik, Sport, Werkunterricht und Zeichnen. Zusätzlich gab es Kopfnoten: Fleiß, Ordnung, Betragen und Mitarbeit.
Ab Klasse 5 kamen neue Fächer hinzu: Russisch Biologie, Geografie, Geschichte. Später folgten Physik, Astronomie, Technisches Zeichnen und Produktive Arbeit - heute würde man sagen: Berufsorientierung mit Praxisbezug. Fakultativ konnten wir am Nachmittag Englisch oder Französisch lernen.
Ein wichtiges Detail: Unsere Schulbücher wurden ausgeliehen. Meine Eltern mussten keine neuen Bücher kaufen. Bildung war nicht abhängig vom Geldbeutel, das war für uns selbstverständlich. Wenn jemand krank war, brachten wir die Hausaufgaben nach Hause, damit der Mitschüler nichts verpasst.
Zum Mittagessen hatten wir unsere Bestecktasche in der Schulmappe - sauber im Geschirrtuch zusammengerollt, mit Messer, Gabel und Löffel. Es gab zwei Wahlessen, und wer hungrig war, durfte Nachschlag holen.
Wir bastelten bei Pioniernachmittagen, sammelten Altstoffe für die Kinder in Vitnam, und sammelten Eicheln für den Tierpark. Ich sang im Chor - und stand bei Schulveranstaltungen gelegentlich auf der Bühne, wir hatten auch Auftritte außerhalb der Schule. Zum Fahnenappell trugen wir unsere Halstücher oder das FDJ-Hemd - es war Pflicht, aber für uns Kinder einfach Teil des Rituals. Niemand stellte Fragen, wir funktionierten. Für mich war es nicht schlimm, weil es einfach so war. Es war ein Zusammenhalt der echt war. Wir feierten Fasching, lachten, tanzten, wir waren Kinder. Wir hatten Klassenfahrten - auch mehrtätig, und Elternteile sind als Begleitpersonen mitgefahren. Ab der 8. Klasse durften wir in den Ferien arbeiten - so haben wir uns Taschengeld dazu verdient.
Jugend - Ausbildung, Verlust und Selbstständigkeit
Mit zwölf Jahren trat ich dem Tennisverein bei. Ich liebte diesen Sport - die Bewegung, die Turniere, die Medaillen. Später kamen andere Interessen hinzu, und Tennis rückte in den Hintergrund. Disco, Konzerte, wenn Engerling, Renft Stern-Combo-Meissen, City oder Karussell spielten. Es war eine interessante und schöne Erfahrung.
Nach der 10. Klasse begann ich eine Ausbildung zur Stenotypistin bei der Deutschen Reichsbahn, da meine Bewerbung im SGB Textilwaren abgelehnt wurde. Ein Tag nach meinem 18. Geburtstag verstarb meine Mutti - ich hatte sie im Krankenhaus besucht. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah. Ich war plötzlich allein mit meinem Vati. Wir hatten ein gutes Verhältnis, ergänzten uns. Aber ich musste schnell erwachsen werden. Ich funktionierte, arbeitete und suchte nach Perspektiven. Meine Freizeit verbrachte ich weiterhin mit Disco oder Konzerten.
Nach der Ausbildung, es war eine schöne Zeit mit netten Kollegen, wollte ich mehr als Briefe schreiben. So schaltete ich ein Inserat und bekam eine Stelle als Ein- und Verkäufer im SGB-Textilwaren Cottbus. Mir war es wichtig, das ich mich weiter entwickeln konnte. Ich fuhr zu Messen, bestellte Ware, lernte den Handel von Grund auf. Es war eine lebendige Zeit, voller Begegnungen und Herausforderungen. So konnte ich nebenbei mein fünfjähriges Fernstudium absolvieren, bekam mein erstes Kind und ging nach sechs Monaten wieder arbeiten. Die Kinder wurden gut in den Kindereinrichtungen betreut - Schließungen kannten wir nicht. Bei Krankheit wurden wir von der Krippe / Kindergarten angerufen, das war normal. Ich blieb dem Handel treu, wechselte zur HO, wurde stellvertretende Bereichsleiterin. Ich übernahm als Leiterin die Filiale "Ballerina". Es war eine neue Verantwortung, die ich wollte. Eine Kollegin war mein Mentor, die mich begleitete.
Dann bekam ich mein zweites Kind - kurz darauf verstarb mein Vati. Im selben Jahr kam die Wende - alles veränderte sich.
Die Wende – Brüche und neue Realität
Ich hatte zwei kleine Kinder, keine Großeltern vor Ort, und arbeitete als Filialleiterin. Westdeutsche Unternehmen übernahmen, und mit ihnen kam eine neue Arbeitsweise.
Unterschiede in der Arbeitsweise - Ost vs. West:
In der DDR waren wir rechenschaftspflichtig, ja - aber wir konnten selbstständig handeln. Wir kannten unsere Kunden, entschieden eigenverantwortlich, organisierten Abläufe.
Nach der Wende wurde das anders: Kontrolle ersetzte Vertrauen. Ich wurde abgemahnt, weil mein Kind krank war. Ein Filialleiter mit Familie passte nicht ins neue System.
Es gab Austauschprogramme - wir besuchten Filialen im Westdeutschland, und westdeutsche Kollegen kamen zu uns. Die Unterschiede waren gravierend. In Cottbus zählten Nähe, Flexibilität, Kundenbindung ehrliche Beratung. In Essen galten andere Maßstäbe - standardisierte Abläufe, strikte Vorgaben. Ich sollte das machen, was man mir sagte - nicht das, was ich für richtig hielt. Es hat nicht mehr funktioniert.
Rückblick und Haltung
Sicher war vieles politisch. Mein Vati war Parteimitglied, aber wir sprachen nie darüber. Ich bin meinen Weg gegangen - ohne Vorteile, ohne Widerstand. Ich durfte zweimal nach Westberlin, besuchte Verwandte, genoss die Zeit. Ich habe nichts vermisst. Meine Stasiunterlagen liegen mir vor. Eine Auslandsreise wurde mir versagt - ich habe es verschmerzt.
Ich wünsche mir, dass unsere Geschichte gehört wird. Nicht bewertet, nicht umgedeutet. Medien, die urteilen, ohne zu verstehen, verfehlen den Kern. Wir sind Menschen mit Erfahrungen - guten wie schlechten. Unsere Eltern haben Dinge mitgetragen, die sie nicht wollten. Wir sind mit anderen Werten aufgewachsen.
Ausblick - Weltoffenheit und Respekt
Heute sind wir weltoffen. Wir lernen andere Kulturen kennen, und ich begrüße das sehr. Vielfalt ist ein Geschenk. Doch unser „Anderssein“ - unsere Prägung, unsere Sichtweise - verdient Respekt.
Wir vertreten manchmal andere Meinungen, weil wir anders aufgewachsen sind. Nicht besser, nicht schlechter - nur anders. Es ist Zeit, uns zuzuhören. Es ist Zeit, uns vorurteilsfrei zu respektieren.
Meine Geschichte hat mich geprägt. Ich wünsche mir, dass endlich aufgehört wird, uns zu bevormunden - von Menschen, die hier nie gelebt haben. Für ein besseres Miteinander brauchen wir Respekt statt Belehrung. Wir verschwenden zu viel Zeit mit sinnlosen Diskussionen, weil unsere Erfahrungen und unsere Geschichte nicht akzeptiert werden.
Es ist Zeit, zuzuhören und anzuerkennen: Wir sind Teil dieses Landes, mit unserer eigenen Prägung und Sichtweise. Nur so kann echtes Verständnis wachsen - für ein Deutschland, das Vielfalt und unterschiedliche Lebenswege wirklich respektiert.
